Der Fairness auf der Fährte

Fairness – Teil 1: Der Fairness auf der Fährte

Als Rechtsanwalt habe ich jeden Tag mit Recht und Gesetz zu tun. Beides ist wichtig, denn es regelt die unverzichtbaren Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens. Damit dieses aber funktioniert, braucht es weit mehr als Paragrafen und Absätze. Diesem Mehr in Form von Gerechtigkeitsgefühl und insbesondere Fairness möchte ich in mehreren Beitragen nachgehen.  

Idealerweise besitzt man als Rechtsanwalt nicht nur Wissen über Gesetze und ein Verständnis ihrer Auslegung, sondern auch eine Art intuitives Gespür für Gerechtigkeit. In der Tat sollen Paragrafen ja auch „gerecht“ sein und sind es zuweilen sogar – selbst wenn das Bauchgefühl vieler Menschen (auch Juristen) es nicht immer ganz so sieht. Auf dem langen Weg vom Studium bis zum gestandenen Anwalt durchläuft man so manche Häutungen, was das eigene Gerechtigkeitsgefühl betrifft.

Gesetze können nicht alles regeln

Schnell jedoch wird einem klar, dass Gesetze zwar an vielen Stellen Ordnung schaffen, dass sie aber keine Schweizer Messer sind, die jede denkbare Streitfrage klären können. Für manche Dinge, die umstritten und uns wichtig sind, sind sie einfach nicht der richtige Ort. Bei anderen ist es so, dass sie den Fall zwar rechtlich klären, aber in gewisser Weise unzulänglich bleiben. Wir erleben das oft, wenn konkurrierende Rechtsgüter oder beidseitig berechtigte Ansprüche gegeneinander abgewogen werden müssen.

Wenn es zum Beispiel darum geht, ob eine Tennisanlage wegen des Ploppens der fliegenden Filzkugeln ab 18 Uhr geschlossen werden soll oder dass eine Gaststätte den Betrieb einstellen muss, weil einer von 50 Mietern im Umkreis ein Problem mit ihr hat, regt sich immer auch Widerstand gegen Entscheidungen. Schon wird, was Recht ist, als ungerecht und unfair bezeichnet – je nachdem, ob man Tennisspieler, Kneipenbesucher oder eben Anwohner ist. Und wer keinen Nachwuchs hat, jammert, dass er zwar gegen den Küchengeruch der Imbissbude nebenan, aber nicht gegen den Kindergartenlärm gegenüber klagen kann, weil man Kinder eben hinnehmen muss.  

Der Konsenskorridor – ist Fairness immer subjektiv?

Offensichtlich existiert eine Form der Gerechtigkeit jenseits niedergeschriebener Paragrafen, die für das konkrete Zusammenleben fast wichtiger sind als der rechtliche Rahmen, in dem sich alle sicher fühlen sollen. Gerecht oder ungerecht, fair oder unfair sind die Begriffe, um die es sich dreht und bei denen jeder das Gefühl hat, dass sie eindeutig sind. In Wahrheit sind sie aber alles andere als das und in vielen Fällen höchst subjektiv.

Viele Menschen finden vor allem fair, was ihnen nützt, und unfair, was Nachteile für sie birgt. Selbst wenn sie Sachverhalte beurteilen, in denen sie nicht selbst Betroffene sind, reflektieren sie auf ihre eigene Lebenswirklichkeit. Wer seine Freizeit gerne in der Gastronomie verbringt, hält es mit der angegriffenen Kneipe. Und wer den Abend lieber gemütlich zu Hause ausklingen lässt als „in einer schummrigen Spelunke abzuhängen“, findet, dass Anwohner schon ab 20 Uhr ein Recht auf Nachtruhe haben sollten – unabhängig davon, dass es in Gesetzen und Verordnungen anders definiert ist.

Trotzdem funktioniert der Zusammenhalt in der Gesellschaft, was vermutlich einem breiten Korridor geschuldet ist, in dem Fairness gleich oder zumindest sehr ähnlich verstanden wird. Damit das so ist, bedarf es noch nicht einmal permanenter Reflexion oder Diskussion, weil eine Art kollektiven Bauchgefühls in den meisten Fällen intuitiven Konsens zu ermöglichen scheint. So subjektiv, wie eben angedeutet, ist Fairness womöglich doch nicht.

Grund genug, sich in diesem ersten Teil einmal der Frage anzunehmen, was Fairness genau ist und ob sie sich nicht doch auf objektive Füße stellen lässt. Denn wenn das „Gefühl Fairness“ so oft mit dem Autopiloten funktioniert, muss irgendwo eine Trägersubstanz existieren, die wissenschaftlich greifbar ist.  

Der Fairness auf der Fährte – die Sozialen Neurowissenschaften

Und in der Tat existiert seit den frühen 1990er-Jahren eine wissenschaftliche Disziplin, die sich diesen Fragen verschrieben hat. Es sind die Sozialen Neurowissenschaften, ein interdisziplinärer Ansatz, in dem unter anderem Psychologie, Biopsychologie, Biologie, Wirtschaftswissenschaften, Anthropologie und natürlich die Neurowissenschaften zusammenarbeiten, um menschliches Verhalten zu erklären. Gegenstand dieses Wissenschaftszweigs ist das sogenannte „soziale Gehirn“, in dem das Zusammenspiel biologischer und sozialer Faktoren Verhalten erzeugt. 

Diese Forschungen erhellen jedenfalls teilweise die Art und Weise, wie Gerechtigkeit und Fairness zwischen Menschen funktionieren. Und natürlich spielen dabei Faktoren eine Rolle, wie etwa die Spiegelneuronen, Bindungshormone und andere, ohne die wir uns nicht empathisch einfühlen könnten oder unseren Lieben zu Hilfe eilen würden. Ebenso bedeutend sind die Erziehung und alle weiteren Sozialisationsfaktoren, mittels derer Menschen sich Verhalten durch Beobachtung, Unterrichtung, Einübung sowie positive und negative Sanktionen aneignen.

Was immer aber Wissenschaftler herausfinden, basiert auf den Empfindungen und dem Verhalten der Menschen. Dies wiederum eröffnet uns allen die Möglichkeit, durch Introspektion – das Hineinschauen und Hineinspüren in uns selbst – zu ergründen, was Fairness mit uns macht und für uns ist.

Was Fairness und schönes Wetter verbindet

Genau diesen Fragen will ich im nächsten Teil nachgehen und möchte bis dahin nur verraten, dass das Wort „Fairness“ vom altenglischen Begriff „Faegerness“ abstammt, was gleichzeitig so viel wie „schön anzusehen“ und „moralisch gut“ bedeutet. Weiterhin kennen wir den englischen Begriff „fair weather“ für heiteres, gutes Wetter, was bestimmt kein Zufall ist.  

Ich würde mich freuen, wenn Sie das nächste Mal wieder dabei sind, und lade Sie herzlich ein, Feedback zu geben und Ihre eigenen Erfahrungen mit Fairness oder Unfairness (ob gefühlt oder nicht) mit der Community zu teilen.