Leerer Strand – Thomas-Cook-Insolvenz

Ist das noch fair? Worauf ist Verlass, wenn der Reiseveranstalter pleitegeht?

110 Millionen. So hoch ist die Summe, die eine Reiseinsolvenzversicherung gemäß BGB jährlich für die Schadenregulierung bereithalten muss – insgesamt wohlgemerkt, also nicht nur für einen Fall, sondern für alle Insolvenzen eines Jahres. Nach der Thomas-Cook-Pleite heißt es dieses Jahr also auch für die Gäste anderer Reiseanbieter, Daumen halten. Denn wenn ihre Reise platzt, bekommen auch sie nur einen Anteil vom Kuchen, der für alle immer kleiner wird.

Zwar sind die Zahlen noch nicht ganz klar, aber vermutlich wird der Schaden durch Thomas Cook drei bis vier Mal so hoch sein wie die im Gesetz festgelegte Summe. Das heißt im mathematischen Klartext, dass jeder Geschädigte nur ein Drittel oder gar nur ein Viertel seines Verlustes ersetzt bekommt. Unfair, argumentieren die Betroffenen nachvollziehbar, weil sie im guten Glauben auf die Absicherung ihrer Reisekosten vertraut haben.

Der schwache Trost der Quote

Was der Gläubiger aus einer Insolvenz für sich retten kann, wird nicht nur beim Reisen „Quote“ genannt. Wer zum Opfer einer Reise mit Thomas Cook anno 2019 wurde, kann sich mit 25 bis 30 Prozent noch glücklich schätzen. Die durchschnittliche Insolvenzquote in anderen Branchen liegt hierzulande bei traurigen 2,9 Prozent. Ein Trost? Vielleicht, aber ein schwacher – denn wer von 6.000 sauer ersparten Euro für seinen Familientrip auf die Kapverden nur noch 1.500 zurückerhält, muss sich nicht nur mit traurigen Kinderaugen, sondern auch mit einem klaffenden Loch in der Haushaltskasse und Urlaub im Freibad auseinandersetzen.

War man zu vertrauensselig? Dass niemand die Absicherung hinterfragt, wenn er seine Traumreise eingetütet hat, ist nicht nur verständlich wegen der Vorfreude, sondern auch, weil ein Verlust durch die Quote gar keine Selbstbeteiligung darstellt. Die entsprechende EU-Richtlinie sieht nämlich weder einen Eigenanteil beim Kunden, noch eine Einschränkung der Haftung beim Reiseanbieter vor. Sie verlangt eindeutig die Absicherung des Reisepreises sowie die Erstattung notwendiger Zusatzkosten für Aufenthalt und Rückreise aus dem Urlaub.

Der Staat springt ein? Pustekuchen!

EU-Richtlinie? Da klingelt doch was! Wenn die Regierung nicht richtig umgesetzt hat, muss sie doch haften, oder nicht? In der Tat existiert eine sogenannte Staatshaftung in Deutschland. Die Regierung und ihre Organe haften für Schäden, die Bürgern durch das Versagen gesetzlicher Organe entstehen. Schon hat die erste Anwaltskanzlei die Bundesregierung aufgefordert, in kurzer Zeit die Übernahme aller Kosten der Thomas-Cook-Katastrophe zu erklären.

Einstweilen diskutiert die Bundesregierung aber lieber mit der Zurich-Versicherung über die Auslegung des Gesetzes. Gelten die 110 Millionen nicht doch nur für die Erstattung von Reisezahlungen, während die entstandenen Zusatzkosten der Verreisten vom Versicherer separat aufgebracht werden müssen? Die Manager des Versicherers sehen aus nachvollziehbaren Gründen keine Veranlassung, eine Kulanz von 200 bis 300 Millionen Euro zu gewähren. Würden sie das Geld ohne rechtliche Grundlage auszahlen, könnte dies als Pflichtverstoß oder sogar Untreue in großem Stil ausgelegt werden. Über zivilrechtlichen Schadensersatz hinaus stünden im schlimmsten Fall langjährige Haftstrafen im Raum.

Der Reisende schaut (noch) in die Röhre

Pikant an dieser Gemengelage ist, dass die Beschränkung der Erstattungssumme seit 1994 unverändert im BGB festgelegt ist. Allein der Inflationsausgleich hätte seither grob geschätzt 50 bis 60 Prozent betragen. Unsere „Insolvenzfamilie“ hätte nach Abschluss des Verfahrens ca. 800 Euro mehr in der Tasche gehabt. Noch im März lag eine Änderung auf 300 Millionen im Bundestag auf dem Tisch – wurde aber mit dem Hinweis zurückgewiesen, dass die Summe noch niemals ausgeschöpft wurde. 

Während sich also die Regierung und die Versicherung streiten und Staatsrechtler ihren Senf dazugeben, schaut einer in die Röhre: der Reisegast, der auf eines der größten und vertrauenswürdigsten Unternehmen im Markt vertraut hat und jetzt seinem Geld hinterherrennt. Ganz zu schweigen von jenen, die von ihren Hotels vor Ort teils durch Zwangskasernierung genötigt wurden, ihren Aufenthalt ein zweites Mal zu bezahlen. Denn dieses Geld ist ausdrücklich verloren. Schließlich hätte man die Ereignisse abwarten müssen. Aber wo bitte, wenn man auf der Straße landet? Romantisch und im Schlafsack am Strand?

Bleibt noch ein letzter Rettungsanker das Reisebüro des Vertrauens. Hätten die Profis nicht auf die drohende Gefahr hinweisen müssen? Sicher – aber erst, wenn der Pleitegeier kurz vor dem Aufschlag schon große Schatten geworfen hätte. Ein bloßer Verdacht oder ein paar getuschelte Branchengerüchte reichen dazu nicht aus. Am Ende muss aber auch das Reisebüro leiden. Es verliert seine aktuellen und künftigen Provisionen und muss darüber hinaus zittern, ob der Insolvenzverwalter nicht bereits erhaltene Provisionen „anficht“ und damit zurückverlangt.  

Fair oder nicht? Was meinen Sie dazu?

Unterm Strich entsteht beim Reisegast das Gefühl, das wahre Opfer zu sein. Er hat in gutem Glauben gebucht und bezahlt und steckt jetzt zwischen den Mühlsteinen der Regierung und des Versicherungskonzerns, die sich noch uneins sind. Alles, was dem Reisegast bleibt, ist Abwarten und Teetrinken: Vielleicht springt am Ende statt der Kapverden ja noch ein Luxuswochenende im holländischen Freizeitpark dabei heraus – traurig vielleicht, aber mit ein bisschen Galgenhumor besser als nichts …

Ob das alles fair ist? Was meinen Sie? Müsste der vermeintlich „Schwache“ nicht ohne große Bürokratie beschützt werden, indem der Staat (und damit wir alle) unbürokratisch einspringen? Oder ist dies ein Fall, den die Versicherungen zu Recht gern „allgemeines Lebensrisiko" nennen?